Welche Unterlagen benötigt ein IT-Sachverständiger bei Streit über Individualsoftware?

Von Anforderungen und Quellcode bis zu Versionsständen, Tickets, Tests und Logs: Welche technische Untersuchungsgrundlage für eine belastbare Prüfung benötigt wird.

Veröffentlicht: 18.09.2026 Quellen geprüft: 17.09.2026 Autor: Mathias Ellmann Status: veröffentlicht

Software & Quellcode

Bei Streit über eine individuell entwickelte Software reicht die installierte Anwendung allein häufig nicht aus, um technische Ursachen, Entwicklungsstand und Abweichungen nachvollziehbar zu untersuchen. Entscheidend ist, welche Anforderungen vereinbart oder dokumentiert wurden, welcher konkrete Softwarestand untersucht werden soll und welche technischen Nachweise zu diesem Stand vorliegen.

Kurzantwort

Für eine erste technische Prüfung sind typischerweise fünf Gruppen von Unterlagen besonders wichtig: Anforderungs- und Leistungsunterlagen, eindeutig bestimmbare Software- und Quellcodestände, Fehler- und Testnachweise, Projekt- und Änderungshistorien sowie Informationen zur tatsächlichen Systemumgebung.

Welche Unterlagen im Einzelfall erforderlich sind, hängt von der konkreten technischen Fragestellung ab.

1. Zuerst muss die technische Fragestellung feststehen

Die Unterlagen werden nicht abstrakt gesammelt. Sie müssen zur technischen Frage passen. Soll beispielsweise untersucht werden, ob eine bestimmte Funktion im abgenommenen Softwarestand vorhanden war, sind andere Nachweise erforderlich als bei der Frage nach Codequalität, Performance oder einer später eingetretenen Regression.

Eine erste Sichtung sollte deshalb klären, welcher technische Zustand untersucht werden soll, für welchen Zeitpunkt die Aussage gelten soll und welche konkrete Eigenschaft Gegenstand der Prüfung ist.

2. Anforderungen und dokumentierter Soll-Zustand

Für einen technischen Soll-Ist-Vergleich muss nachvollziehbar sein, welche technischen Funktionen oder Eigenschaften als Untersuchungsmaßstab herangezogen werden sollen. Dafür können insbesondere folgende Unterlagen relevant sein:

Wichtig: Solche Dokumente können den dokumentierten technischen Soll-Zustand beschreiben. Ob und mit welcher rechtlichen Wirkung eine bestimmte Vertragsklausel auszulegen ist, ist davon zu trennen.

3. Eindeutiger Software- und Quellcodestand

Eine technische Prüfung benötigt einen reproduzierbar bestimmbaren Untersuchungsgegenstand. Bei versionsverwalteter Software sollte daher möglichst nicht nur ein Ordner mit Quellcodedateien übergeben werden.

Hilfreich sind insbesondere:

Der Versionsbezug ist entscheidend, weil unterschiedliche Commits oder Releases unterschiedliche technische Eigenschaften besitzen können. Die offizielle Git-Dokumentation beschreibt Revisionen als Bezeichner für konkrete Commit-Objekte beziehungsweise für Mengen erreichbarer Commits.

4. Fehlerberichte, Tests und Reproduktionsschritte

Wird ein konkreter Fehler behauptet, muss nachvollzogen werden können, unter welchen Bedingungen er aufgetreten ist. Besonders nützlich sind:

Ein Fehlerbericht ohne Versions- und Umgebungsbezug kann die technische Einordnung erheblich einschränken.

5. Projekt- und Änderungshistorie

Bei der Rekonstruktion eines Entwicklungsverlaufs können technische Änderungen und ihre zeitliche Reihenfolge von Bedeutung sein.

Je nach Fragestellung können deshalb zusätzlich folgende Artefakte relevant sein:

Diese Unterlagen können helfen, eine technische Änderung mit einem bestimmten Entwicklungsstand und einem dokumentierten Ereignis in Beziehung zu setzen.

6. System- und Betriebsumgebung

Das Verhalten einer Anwendung kann von ihrer Umgebung abhängen. Eine reproduzierbare Prüfung benötigt deshalb gegebenenfalls auch Angaben zur tatsächlichen Betriebs- oder Testumgebung.

7. Dokumentation der Übergabe

Für die technische Nachvollziehbarkeit sollte dokumentiert werden, welche Dateien und Daten tatsächlich untersucht wurden. Bei digitalen Artefakten können Dateilisten, Zeitpunkte und kryptografische Hashwerte eingesetzt werden, um den übernommenen Datenstand eindeutig zu dokumentieren.

Dadurch wird später nachvollziehbar, ob sich die untersuchte Datei oder der untersuchte Datenbestand von einer anderen Fassung unterscheidet.

Welche Unterlagen reichen für eine erste Prüfung?

Für eine erste fachliche Einschätzung muss nicht zwingend bereits der vollständige Projektbestand übermittelt werden. Ein sinnvolles Startpaket kann beispielsweise enthalten:

Auf dieser Grundlage lässt sich regelmäßig zunächst bestimmen, welche weiteren technischen Unterlagen für eine belastbare Untersuchung erforderlich wären.

Was bedeutet eine unvollständige Unterlagenlage?

Fehlende Unterlagen führen nicht automatisch dazu, dass keine technische Aussage möglich ist. Sie können aber die Reichweite der Aussage begrenzen.

Fehlt beispielsweise der ursprünglich ausgelieferte Softwarestand, kann eine spätere Codefassung nicht ohne Weiteres als identischer Untersuchungsgegenstand behandelt werden. Fehlen reproduzierbare Fehlerdaten, kann gegebenenfalls nur die vorhandene Dokumentationslage, nicht aber das behauptete Laufzeitverhalten geprüft werden.

Solche Einschränkungen gehören ausdrücklich in die Dokumentation der Untersuchung.

Befund, Interpretation und rechtliche Würdigung

Ein technischer Befund könnte beispielsweise lauten, dass eine bestimmte Funktion in einem untersuchten Commit nicht vorhanden ist oder dass ein dokumentierter Test unter festgelegten Bedingungen fehlschlägt.

Die fachliche Interpretation kann anschließend einordnen, welche technische Bedeutung dieser Befund für die konkrete Untersuchungsfrage besitzt.

Grenze: Ob daraus rechtlich ein Mangel, eine Pflichtverletzung oder eine bestimmte Rechtsfolge folgt, ist keine technische Feststellung und wird in diesem Wissensbeitrag nicht bewertet.

Konstruiertes Beispiel

Eine Individualsoftware soll nach Darstellung eines Auftraggebers eine bestimmte Exportfunktion enthalten haben. Zur Untersuchung liegen ein Pflichtenheft, ein Git-Repository, mehrere Release-Tags und ein Abnahmeprotokoll vor.

Vor einer inhaltlichen Bewertung wäre zunächst festzulegen, welcher Release- beziehungsweise Commit-Stand dem relevanten Zeitpunkt zugeordnet werden kann. Erst danach wäre technisch zu untersuchen, ob und in welcher Form die beschriebene Funktion in diesem konkreten Stand implementiert ist.

Das Beispiel ist vollständig konstruiert und stellt kein reales Mandat und keine tatsächliche gerichtliche Beauftragung dar.

Quellen und fachliche Grundlage

Weiterführend: Quellen und Methodik des Wissensbereichs .

IT-Sachverständiger Mathias Ellmann

Software- oder Quellcode-Gutachten

Wenn ein konkreter Softwarestand, Quellcode, Anforderungen oder technische Abweichungen untersucht werden sollen, kann zunächst die vorhandene Unterlagenlage fachlich eingeordnet werden.

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